Sprachenvielfalt in der DW bedroht

Die AGRA unterstützt die Mitarbeiter der Deutschen Welle in ihrem Engagement für den Erhalt der Sprachenvielfalt im deutschen Auslandsrundfunk.
Die DW-Sprachen sind das Alleinstellungsmerkmal, das diesen Sender in der ARD einzigartig macht. Die Kollegen sind Experten für ihre jeweiligen Länder und Regionen und tragen zur journalistischen Kompetenz der ARD insgesamt bei. Da die Deutsche Welle nicht aus dem gemeinsamen Gebührenaufkommen finanziert wird, sind Bundestag und Bundesregierung aufgefordert, die DW aufgabengerecht zu finanzieren, ohne dabei die journalistische Unabhängigkeit des Senders anzutasten. Der geplante Umbau der deutschen Welle darf nicht zu Lasten der redaktionellen Mitarbeiter gehen.
Wir appellieren an den DW-Intendanten Peter Limbourg, auch weiterhin die redaktionelle Expertise deutsch-sprachiger Journalisten im Sender angemessen zu berücksichtigen.

DW-Mitarbeiter entsetzt über Kontroverse mit RoG

Die Kontroverse über die Ausrichtung der China-Strategie der Deutschen Welle zieht weitere Kreise. Der Vorstand von „Reporter ohne Grenzen“ sieht die vertraglich angestrebte Kooperation der Deutschen Welle mit dem chinesischen Sender CCTV im Widerspruch zum Mandat seiner Organisation. DW-Intendant Peter Limbourg hat das Kuratorium der Organisation Reporter ohne Grenzen nach einer entsprechenden Aufforderung verlassen ( siehe SZ vom 4.12.).
Viele Mitarbeiter der DW zeigten sich darüber entsetzt und haben sich an den Redakteursausschuss der DW gewandt. Das Ergebnis waren zwei Schreiben an Intendant Limbourg und den Vorstand von Reporter ohne Grenzen, die wir hier dokumentieren.

Sehr geehrter Herr Limbourg,

die Kontroverse zwischen Ihnen und dem Vorstand von Reporter ohne Grenzen hat viele Redakteure in unserem Haus alarmiert.

Ohne die Umstände Ihres „Ausschlusses“ bewerten zu wollen, sehen wir uns veranlasst, auf die jahrelange erfolgreiche Zusammenarbeit zwischen der DW und ROG hinzuweisen. Dies gilt insbesondere für die Kooperation bei den Bobs, beim Global Media Forum und bei der Unterstützung von durch staatliche Repression bedrohter Journalisten. Erst jüngst hat sich die Organisation vehement für die inhaftierte chinesische Kollegin Gao Yu eingesetzt, die ja auch für die Deutsche Welle tätig war.

Wir möchten Sie heute daher auffordern, die inhaltliche Kooperation der DW mit Reporter ohne Grenzen in allen genannten Bereichen ebenso fortzusetzen wie die Fördermitglied­schaft, ungeachtet Ihres Rückzugs aus dem Kuratorium von Reporter ohne Grenzen.

Viele Kollegen sind in den letzten Tagen ROG beigetreten. Wir sehen darin ein klares Zei­chen der Unterstützung für die Ziele der Organisation, dem Sie sich nicht verschließen soll­ten.

Mit freundlichen Grüßen

Der Redakteursausschuss

Rainer Esser, Nancy Isenson, Dr. Bettina Marx, Kate Müser, Daniel Scheschkewitz

Bonn/Berlin, den 9.12.14

 

 

An den Vorstand von
Reporter ohne Grenzen
An den Geschäftsführer Christian Mihr Bonn/Berlin, den 9.12.14

Sehr geehrte Vorstandsmitglieder, sehr geehrter Herr Mihr,

vielen Dank für Ihr Schreiben vom 8.12.14 und die darin enthaltenen Erläuterungen.
Der Redakteursausschuss der DW hat das, was Sie die „Neuausrichtung der China-Strategie“ nennen, in der Vergangenheit wiederholt kritisiert. So hat es zum Beispiel am 5.November ein Gespräch mit dem DW-Kolumnisten Frank Sieren gegeben, bei dem dieser für seine –aus unserer Sicht- bagatellisierende Darstellung des Massakers auf dem Platz des Himmlischen Friedens im Juni 1989 in der DW scharf kritisiert wurde.
Intendant Limbourg hat uns in der Zwischenzeit zugesichert, dass sich die China-Redaktion der DW – wie der Sender insgesamt- auch weiterhin als „Stimme der Freiheit“ versteht und kritisch zu Menschrechtsverstößen in aller Welt äußern werde.
Wir nehmen den Intendanten beim Wort und haben ihn heute zur Fortsetzung der inhaltlichen Zusammenarbeit mit Reporter ohne Grenzen aufgefordert.
Eine Kopie des Schreibens an Herrn Limbourg ist beigefügt.

Mit freundlichen Grüßen

Für den Redakteursausschuss der DW

Rainer Esser, Nancy Isenson, Dr.Bettina Marx, Kate Müser, Daniel Scheschkewitz

Deutsche Welle nur ein Beispiel – Wo bleibt die Unabhängigkeit?

Seit Wochen gärt es in der Deutschen Welle. In der Berichterstattung aus und über China tut sich ein tiefer Riss zwischen Redaktion und Hausspitze auf. Seit einigen Wochen gibt es sogar eine offizielle Kooperation der DW mit dem staatlichen Sender CCTV und China Radio International. In einer Pressekonferenz mit Intendant Wang Gengian kündigte der Intendant der Deutschen Welle, Peter Limbourg an, die DW werde künftig mehr über chinesische Wirtschafts-, Kultur und Geschichtsthemen berichten und dabei „die Richtlinien der chinesischen Seite beachten“, gleichzeitig aber auch eine objektive und unparteiische Berichterstattung gewährleisten.

Die Arbeitsgemeinschaft der Redakteursausschüsse im öffentlich-rechtlichen Rundfunk (AGRA) hält das für einen journalistischen Tiefpunkt. Inakzeptabel ist, dass der deutsche Auslandssender sich in seiner Berichterstattung den „Richtlinien“ eines zwar eminent wichtigen Landes unterwirft, das in Sachen Presse- und Meinungsfreiheit allerdings das genaue Gegenteil von beispielhaft ist; zumal der Onlinedienst der DW in China ohnehin blockiert wird.

Vor einigen Monaten wollte die AGRA eine Umfrage unter allen öffentlich-rechtlichen Programm-Mitarbeiterinnen und -Mitarbeitern starten, in der gefragt werden sollte, welcher externen aber auch internen Einflussnahmen auf ihre Berichterstattung sie sich ausgesetzt fühlen. Aus verschiedenen Gründen hatte sich die AGRA dabei die Unterstützung der Intendantinnen und Intendanten erhofft. Die aber lehnten das ab. Limbourg schrieb unter anderem: „Als Intendant der Deutschen Welle kann ich Ihnen versichern, dass es zu unserem Selbstverständnis als öffentlich-rechtlicher Sender gehört, die Berichterstattung der DW von jeglicher politischer oder sonstigen Beeinflussung freizuhalten.“ Dies sei „Teil unserer Vorstellung von Qualitätsjournalismus“.

Die aktuellen Entwicklungen bei der DW lassen nicht erkennen, dass diese Sichtweise tatsächlich Richtschnur des Handelns ist; wohl aber, dass der Schutz der Unabhängigkeit nicht allein in das Belieben eines Intendanten gestellt werden kann. Selten genug kommt so etwas an die Öffentlichkeit. Darum ist es umso wichtiger, dass möglichst viele Redakteurinnen und Redakteure anonym aus ihrem Berufsalltag über große und kleine Beeinflussungsversuche berichten können. Diesen Anspruch, den die Öffentlichkeit an den Rundfunk hat, sollten die Geschäftsleitungen einlösen. Die Chance dazu hat ihnen die AGRA angeboten.