{"id":131,"date":"2011-11-15T14:41:38","date_gmt":"2011-11-15T13:41:38","guid":{"rendered":"http:\/\/blog.agra-rundfunk.de\/?p=131"},"modified":"2011-11-27T19:12:38","modified_gmt":"2011-11-27T18:12:38","slug":"radio-uberholt-sich-selbst","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.agra-rundfunk.de\/wordpress\/?p=131","title":{"rendered":"Radio \u00fcberholt sich selbst"},"content":{"rendered":"<p>oder<\/p>\n<h2>Wie Macher ins Blaue senden und H\u00f6rer anderes wollen<\/h2>\n<h3>Eine Behauptung von Udo Seiwert-Fauti <\/h3>\n<p>Wir alle kennen das. Radio als reines Radio ist tot, Radio muss ins Internet, im Internet \u00fcberleben, Zusatzdienste anbieten, auf Apps und mit Apps vertreten sein und bitte &#8230; nie ein Beitrag l\u00e4nger als, nun ja, 50 Sekunden &#8230; aber l\u00e4ngstens. DER H\u00f6rer will nichts anderes , er will &#8222;nebenbei h\u00f6ren&#8220; und schon gar nicht will er Informationen lange zuh\u00f6ren. Um diesen Minimum- Radioanspr\u00fcchen zu gen\u00fcgen, haben meist selbst ernannte Radioberater und Quoten-Statistiker das <em>Formatradio<\/em> erfunden. Es ist nicht etwa ein Radio mit Format, denn dieses Formatradio ist ausschlie\u00dflich formatiert. Wer in so genannten AKTUELL Sendungen l\u00e4nger als 2 Minuten redet &#8230; wenn es denn mal live ist &#8230; erlebt Schwei\u00dfausbr\u00fcche bei Moderatoren und Redakteuren, das Format wird empfindlich zer- und gest\u00f6rt. Alles kommt durcheinander, das SendeSCHEMA kommt ins Wanken.<br \/>\nFrage: was hat das alles noch mit einem lebendigen, ungewohnten und interessanten Radio zu tun? Die Antwort lautet kurz und knapp und doch sehr pr\u00e4zise: Nichts!<\/p>\n<p>Das aktuell in Deutschland zu h\u00f6rende Radio, \u00f6ffentlich-rechtlich wie kommerziell, ist &#8211; bis auf wenige l\u00f6bliche Ausnahmen (Detektor FM in Leipzig z.B.) nur noch Schema F. Risiko, Unerwartetes ist nicht mehr zu erwarten und vor allem NICHT erw\u00fcnscht.  So hart es klingen mag, die Digitalisierung des Radios und der Radioabl\u00e4ufe hat zu einer deutlichen Verschlechterung der Radioqualit\u00e4t in Deutschland gef\u00fchrt. Nie gab es so viele Versprecher, Ungenauigkeiten in Moderationen, Unachtsamkeiten und Unkonzentriertheiten wie aktuell. Der Grund m.E.: wo Moderatoren sich fr\u00fcher auf Inhalte konzentrieren konnten, m\u00fcssen sie heute bei den Moderationen auf bis zu 5 Bildschirmen, sorry: Screens, Abl\u00e4ufe \u00fcberwachen und Inhalte ablesen. Deutsche Radios k\u00f6nnen stolz sein : die radiomachende Wollmichsau ist endlich da! Weniger am Senden Beteiligte und vor allem Verantwortung f\u00fcrs Radio \u00dcbernehmende vor und hinter dem Mikro sparen Kosten ein, ARD Sender verk\u00fcnden derzeit vor diesem Hintergrund auch noch stolz neue Budget-\u00dcbersch\u00fcsse, aber &#8230; die Qualit\u00e4t insgesamt geht  immer mehr &#8211; ich lebe im S\u00fcdwesten &#8211; den Schwarzwaldbach hinunter.<\/p>\n<p>Blicken wir in unsere Nachbarl\u00e4nder &#8230; und die Absurdit\u00e4t der deutschen Radioauffassungen wird noch absurder. L\u00e4nder, die in Deutschland und mit ihren Anschauungen als konservativ gelten, sind im Radiobereich die Innovativsten und zeigen t\u00e4glich, st\u00fcndlich, min\u00fctlich und auch sek\u00fcndlich wie modernes und aktuelles Radio der Zukunft aussehen k\u00f6nnte. Beispiele: die Schweiz und Gro\u00dfbritannien.<\/p>\n<p>Frage: wo gibt es im Global Player Land Deutschland ein englischsprachiges Radioangebot, dass sich an alle die Deutschen wendet, die eigentlich Ausl\u00e4nder sind aber in Deutschland leben und arbeiten, deren Muttersprache aber eben deutsch nicht ist? Mal abgesehen davon, dass z.B. in St\u00e4dten wie K\u00f6ln, Frankfurt, Berlin und Stuttgart t\u00e4glich Tausende einfliegen, die Englisch aber nicht deutsch reden.<\/p>\n<p>You remember the Europ\u00e4ische Zentralbank, die Banken, Autounternehmen? Geht nicht, kostet, Aufschrei in den Radio-F\u00fchrungsetagen &#8230; wagt man das Thema auch nur dezent anzusprechen. Typisch deutsch.<\/p>\n<p>In der Schweiz hat das \u00f6ffentliche-rechtliche Radio World Radio Switzerland erfunden, das genau das macht, was ich eben beschrieben habe. Auf Englisch Infos \u00fcber die Schweiz liefern, damit sich Ausl\u00e4nder im Land wohl und sich willkommen f\u00fchlen. Daily, every minute and second, um es auf Englisch zu sagen. Und wen wundert es: 50 % Anteilseigner ist der BBC World Service!<\/p>\n<p>Stichwort: UK. Im UK ist Rolling Stones Gitarrist Ronnie Wood gerade als DJ des Jahres 2011 gek\u00fcrt worden. Im Digitalradio, genauer: auf Absolute Classic Rock, hat er jede Woche eine eigene Radiosendung, die als &#8222;Hinh\u00f6r-Hammer&#8220; gilt. Man stelle sich Udo Lindenberg in Deutschlands Radio vor. No chance, zuviel Risiko, der redet zu lange. Und wer will das denn bitte in Deutschland, h\u00f6re ich Deutschlands Anzug- und sicher nicht &#8222;Radio Blaumann&#8220; tragende Radiomanager sagen.<\/p>\n<p>Ich halte dagegen: Viele! Und es werden immer mehr. Zunehmend habe ich viele J\u00fcngere, die der umk\u00e4mpften Zielgruppe 20 &#8211; 30 Jahre, vor mir sitzen, die mir ihr Leid mit dem Radio heute klagen. Das dauernde Gequatsche geht ihnen auf den Geist, die Kurzinformationen auch (die dort aufh\u00f6ren wo sich die J\u00fcngeren mehr erhoffen), die Verquickung von PR und Redaktion &#8230; jede Vorlesung gibt diese Tendenzen wieder. Nach vielen Diskussionen und Gespr\u00e4chen &#8211; \u00fcber Wochen hinweg &#8211; steht fest: die J\u00fcngeren wollen wieder zuh\u00f6ren, wollen informiert werden, wollen mehr erfahren , mehr Hilfe bekommen, weil sie sich in der globalen und digitalisierten Welt nicht mehr richtig zurechtfinden. Vom Radio, das ist einhellige Meinung, aber auch von Medien \u00fcberhaupt erhoffen sie sich Einordnung, Information (auch und gerade l\u00e4nger) und Hintergr\u00fcnde, weil sie viele Entwicklungen (noch) nicht durchschauen. Sie wollen sich \u00fcber das Radio \u00e4rgern, wollen sich freuen, wollen sich mit dem Radio als Freund wieder anfreunden.<\/p>\n<p>Was hei\u00dft das f\u00fcr uns, die wir Radio vor allem machen, weil wir es wirklich &#8222;lieben&#8220;, weil es auch &#8222;unser&#8220; Medium ist und weil wir Radio nach wie vor &#8222;sexier als TV &#8220; finden?<\/p>\n<p>Ich bin \u00fcberzeugt, dass es  Zeit ist, \u00fcber neue Ideen, neue Formen (wenn diese sein m\u00fcssen &#8230;) , \u00fcber neue Inhalte usw. nachzudenken, quer zu denken, brain zu stormen und Visionen zu entwerfen &#8230; wie das Radio der Zukunft wirklich aussehen sollte. Monate, ja Jahre denken wir nach und diskutieren, wie der so genannte Content aussehen soll, wie das Radio digital H\u00f6rer binden und hinzugewinnen will und soll und muss. Jetzt ist der Zeitpunkt erreicht, mal endlich wieder \u00fcber Inhalte nachzudenken. Inhalt ist eben nicht gleich Content. Inhalt ist nicht einfach F\u00fcllen von leeren Onlineseiten. Inhalt ist Recherche, Ehrlichkeit, Transparenz gegen\u00fcber dem H\u00f6rer <em>unserem Kunden<\/em>, ist harte Arbeit die Mehrwert schafft und anbietet. Das hei\u00dft aber auch: Radiochefs m\u00fcssen endlich wieder in die Ausbildung, in die Qualit\u00e4t, in die Fortbildung ihrer Mitarbeiter investieren. Wir \u00e4lteren m\u00fcssen unser Wissen weitergeben, den J\u00fcngeren vermitteln was Radio in der Vergangenheit ausmachte, es jetzt und in Zukunft ausmacht!<\/p>\n<p>Ohne dies alles wird es in Zukunft kein gutes und attraktives Radio mehr geben, wird selbst ein dann digital perfektes Radio ein <em>Mitl\u00e4ufer im Mainstream<\/em> sein.<\/p>\n<p>Radio muss endlich wieder Risiko bedeuten, muss vorher kaum Planbares bedeuten, muss \u00fcberraschend und nicht formatiert sein, muss allen Radiomitarbeitern wieder Anreize in der Kreativit\u00e4t bieten, muss sie engagieren, muss sie herausfordern, sie eigenst\u00e4ndig entscheiden lassen und ihre &#8222;Chefs&#8220; m\u00fcssen wieder das Standing haben, manches und vieles auszuhalten und zu verteidigen.<\/p>\n<p>Kurzum:  Aus einem Formatradio muss endlich wieder ein Radio mit (wirklichem) Format werden.<\/p>\n<p><em>Udo Seiwert-Fauti ist Korrespondent in Stra\u00dfburg und Mitbegr\u00fcnder von <a href=\"http:\/\/www.fair-radio.net\/www\/2011\/11\/14\/radio-uberholt-sich-selbst\/\">Fair Radio<\/a><\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>oder Wie Macher ins Blaue senden und H\u00f6rer anderes wollen Eine Behauptung von Udo Seiwert-Fauti Wir alle kennen das. 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